Es gibt Themen, die sucht man sich nicht aus – sie suchen sich einen aus. Bei mir war es toxischer Narzissmus. Seit rund zehn Jahren beschäftigt mich dieses Phänomen, zunächst ganz praktisch und schmerzhaft im Berufsleben, später zunehmend auch als Beobachter aus der Distanz: in Beziehungen und Familien in meinem Umfeld, in Geschichten, die mir Freunde und Bekannte erzählt haben, in Mustern, die ich immer wieder erkannte, sobald ich einmal wusste, worauf ich achten musste.
Dieser Blog ist der Ort, an dem ich all das zusammenführe. Und dieser erste Artikel ist mein Ausgangspunkt: meine Geschichte, meine Beobachtungen und ein Ausblick darauf, welche Facetten des Themas hier in Zukunft Platz finden werden.
Was ist toxischer Narzissmus eigentlich?
Der Begriff wird heute inflationär benutzt – fast jeder selbstbewusste Chef oder jede eitle Bekannte wird schnell als „Narzisst“ bezeichnet. Das greift zu kurz und verharmlost gleichzeitig, worum es wirklich geht.
Gesundes Selbstbewusstsein bedeutet, den eigenen Wert zu kennen, ohne andere abzuwerten. Narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) ist dagegen eine klinische Diagnose mit festen Kriterien: ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, ein tiefes Bedürfnis nach Bewunderung, ein Mangel an Empathie – bei gleichzeitig oft fragilem Selbstwert im Kern.
Toxischer Narzissmus ist dabei kein offizieller Diagnosebegriff, sondern beschreibt das Verhaltensmuster, das andere Menschen konkret schädigt – unabhängig davon, ob eine formale Diagnose vorliegt oder nicht. Und genau dieses Verhaltensmuster ist es, das mich seit Jahren beschäftigt.
Was ich im Berufsleben gelernt habe
Meine eigene Erfahrung mit toxischem Narzissmus war ausschließlich beruflich – aber dafür sehr direkt. Eine Vorgesetzte, mit der ich über Jahre zusammengearbeitet habe, zeigte ein Repertoire an Verhaltensweisen, das ich damals nicht sofort einordnen konnte, das sich aber im Rückblick fast wie ein Lehrbuch liest.
Es fing mit Grenzüberschreitungen an, die still passierten und schwer zu greifen waren: Sie verstieß wiederholt gegen interne Compliance-Regeln – und ging so weit, eine eigentlich anonyme Mitarbeiterbefragung über ihre eigene Führung gemeinsam mit einigen Kollegen zu manipulieren. Kontrolle über die eigene Außendarstellung, komme was wolle.
Dann die offene Seite: Kritik und Beleidigungen vor versammelter Mannschaft. „Du bist ein Idiot.“ „Wie kann man nur so blöd sein?“ – ausgesprochen vor Kollegen, nicht im vertraulichen Vier-Augen-Gespräch. Öffentliche Demütigung ist kein Zufall, sie ist Machtdemonstration.
Parallel dazu ein knallhartes System aus Nähe und Distanz: Wer sich mit ihr gutstellte, wurde belohnt – Gehaltserhöhungen, Vergünstigungen, Wohlwollen. Wer nicht in diese Kategorie fiel, spürte das ebenso deutlich, nur in die andere Richtung. Klassische Günstlingswirtschaft, die Teams gegeneinander ausspielt und Loyalität zur Währung macht.
Und schließlich die Grenzenlosigkeit bei der eigenen Verfügbarkeit anderer: Nächtliche Erreichbarkeit war selbstverständlich, sobald es um Präsentationen ging, mit denen sie unzufrieden war – besonders bei englischsprachigen Themen, die ihr offenbar zusätzliche Unsicherheit bereiteten. Die eigene Unsicherheit wurde zum Problem der anderen gemacht.
Keines dieser Verhaltensmuster für sich allein beweist eine Diagnose. Aber in ihrer Kombination und Wiederholung ergeben sie ein Bild, das mittlerweile gut erforscht ist – und das unzählige Menschen in ähnlicher Form kennen.
Warum diese Muster überall auftauchen
Was mich seitdem fasziniert: Diese Dynamiken sind nicht auf Büros beschränkt. Wenn ich Freunden und Bekannten zuhöre, die von schwierigen Partnerschaften oder belasteten Familienverhältnissen erzählen, erkenne ich erstaunlich oft dieselbe Grundstruktur wieder – nur in anderem Gewand.
Öffentliche Demütigung wird zu subtiler Abwertung am Küchentisch. Günstlingswirtschaft wird zur Bevorzugung eines Kindes gegenüber einem anderen. Grenzenlose Verfügbarkeitsforderungen werden zu emotionaler Erpressung in der Partnerschaft. Die Mechanik bleibt erstaunlich konstant, ob im Konferenzraum oder im Wohnzimmer.
Diese Beobachterrolle aus der Distanz – ohne selbst in einer solchen privaten Beziehung zu stecken – gibt mir vielleicht einen anderen Blick als jemand, der mittendrin ist. Ich kann Muster erkennen, ohne selbst emotional verstrickt zu sein. Genau diese Perspektive möchte ich hier einbringen.
Was dich auf diesem Blog erwartet
Dieser Blog wird sich in den kommenden Artikeln mit verschiedenen Facetten des Themas beschäftigen, unter anderem:
- Die verschiedenen Subtypen: der offen grandiose Narzisst vs. der verdeckte, „vulnerable“ Narzisst – zwei sehr unterschiedliche Erscheinungsformen mit demselben Kern
- Erkennungsmuster im Beruf: Wie sich toxisches Verhalten in Meetings, Feedbackgesprächen und Teamdynamiken zeigt
- Narzissmus in Partnerschaften und Familien: Love-Bombing, Gaslighting, die Rolle des Sündenbocks und des „goldenen Kindes“
- Warum wir überhaupt anfällig sind: Welche eigenen Muster uns manchmal an solche Beziehungen binden
- Abgrenzung und Umgang: Konkrete Strategien, um sich zu schützen, ohne sich selbst zu verlieren
- Der Blick von außen: Wie man als Freund, Kollege oder Familienmitglied jemanden unterstützen kann, der in einer toxischen Dynamik steckt
Warum dieser Blog existiert
Ich schreibe diesen Blog nicht als Therapeut oder Psychologe, sondern als jemand, der genau hinschaut, viel gelesen hat und seine eigenen Erfahrungen einordnen wollte. Mein Ziel ist es, Muster sichtbar zu machen, die vielen Menschen bekannt vorkommen, für die es aber oft keine Worte gibt – bis man sie zum ersten Mal liest und denkt: „Genau das habe ich auch erlebt.“
Wenn dir das bekannt vorkommt, freue ich mich, wenn du hier weiterliest, kommentierst oder mir deine eigenen Erfahrungen schickst. Und wenn du lieber Videos schaust: Auf TikTok und Co. werde ich die zentralen Gedanken dieses Blogs auch visuell aufbereiten.
Der nächste Artikel widmet sich den beiden Hauptformen von Narzissmus – dem lauten, grandiosen Typ und seinem stillen Gegenstück.
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